Elisa von Hof

Zirkus im sozialen Brennpunkt

12.000 Kinder stehen pro Jahr in den Manegen von „Zirkus macht stark“  – dafür wurde dem Projekt jetzt der Sonderbildungspreis der Konrad-Adenauer-Stiftung verliehen.


Wenn alle Scheinwerfer leuchten, es in der Manege ganz still ist und die Kinder auf dem Trapez, Einrad oder Seil schweben, dann weiß Karl Köckenberger, wofür er jeden Tag arbeitet. Und dass es sich gelohnt hat, „Zirkus macht stark“ zu gründen – eine Initiative, die soziale Zirkusse aus ganz Deutschland miteinander verbindet.

Sozialer Zirkus bedeutet, dass hier benachteiligte Kinder im Mittelpunkt stehen. Im Zirkus können sie ihre Talente entdecken, mehr Mut, Selbstständigkeit und ein besseres Körpergefühl aufbauen, ihre Konzentrations- und Koordinationsfähigkeiten schulen. Und wenn nach der Aufführung einer einstudierten Choreographie alle in der Manege klatschen und jubeln, dann sind sie stolz auf sich. Denn ihnen wurde etwas zugetraut und sie haben es gut gemacht.

Um die sozialen Zirkusse in ganz Deutschland in ihrer Arbeit zu unterstützen, entstand vor vier Jahren der Dachverband „Zirkus macht stark“. Die Arbeit der Initiative zur Förderung des sozialen Zirkusses wird nun mit einem Sonderpreis des Bernhard-Vogel-Bildungspreises der Konrad-Adenauer-Stiftung ausgezeichnet.

„Wir sind im sozialen Brennpunkt für die Kinder da“, sagt Köckenberger, Projektleiter der Initiative „Zirkus macht stark“ und selbst seit 1992 im Berliner Zirkus Cabuwazi engagiert. Seit er seinen Kindern Einräder schenkt und sich dann im Innenhof seines Berliner Wohnhauses ein kleiner Privatzirkus bildet, weiß er, wie anziehend der Zirkus für Kinder ist.

Aus seinem Hobby macht der gelernte Brückenbauer einen Job, als sein Arbeitgeber Krupp 2008 aus Berlin fortzieht. Seitdem ist er hauptberuflich beim sozialen Zirkus Cabuwazi, der in Berlin gleich an vier Standorten vertreten ist. Irgendwie ist er also immer noch ein Brückenbauer, nur nicht mehr in der Stahlindustrie.

2012 entsteht die Idee, sich zu einem Dachverband zusammenzutun. Mehr Austausch über Projektideen, pädagogische Konzepte, Beratung untereinander – davon könnten doch alle profitieren. Den Anstoß, die Idee auch in die Tat umzusetzen, gibt aber das Ministerium für Bildung und Forschung: Mit dem Förderprogramm „Kultur macht stark. Bündnisse für Bildung“ sollen Kinder und Jugendliche unabhängig von Herkunft und finanziellen Möglichkeiten mit kultureller Bildung in Kontakt kommen. Das würde doch genau auf den Zusammenschluss der Zirkusse passen, denkt sich Köckenberger, und bewirbt sich mit der frisch gegründeten Initiative.

Es klappt tatsächlich. „Als der Anruf kam, dass wir gefördert werden, war ich völlig baff“, sagt er. Ein Projektbüro wird eingerichtet, ein Büroteam eingestellt, Köckenberger wird Projektleiter. Von hier wird das Fördergeld verwaltet und an die mitmachenden Zirkusse und Projekte geleitet. Und das sind einige: 120 bis 140 soziale Zirkusse aus vierzehn Bundesländern sind mit dabei. 12.000 Kinder stehen bundesweit in den Manegen des Dachverbands.

Köckenberger und sein Team unterstützen durch Beratung und organisieren Tagungen und Fortbildungen für Zirkuspädagogen, Trainer, Artisten. Sie helfen bei Fragen, wie zum Beispiel: Wie bekommt man einen guten Zirkustrainer? Welches pädagogische Konzept funktioniert bei der Arbeit mit Integrations- und Inklusionskindern? Wie gestaltet man eine professionelle PR für den Zirkus? Und sie halten einen Nothilfetopf bereit, wenn plötzlich eine Förderung wegfällt.

Ein erfolgreiches Projekt, das „Zirkus macht stark“ im vergangenen Jahr unterstützte, sind die Zirkusprojektwochen des Circus Fantasia in Rostock. 150 Kinder aus allen Stadtteilen nehmen in den Ferien daran teil – unabhängig von Herkunft, Schule und Lebensumstand, denn auch die Kosten für Verpflegung und Fahrkarten werden durch „Zirkus macht stark“ übernommen. So integrierten sich auch Kinder mit Handicap, Migrationshintergrund oder Entwicklungsverzögerung in die Zirkusarbeit. Am Ende des Projekts wird die große Abschlussvorführung auf einem Eisbrecher im Rostocker Hafen aufgeführt. Das schweißt zusammen. „So eine Erinnerung an die erfolgreiche Aufführung bleibt den Kindern für immer, es stärkt sie in ihrem Selbstbewusstsein“, sagt Köckenberger.

Im Vordergrund steht auch die gezielte Förderung von Zirkusprojekten für geflüchtete Kinder – weil die Kinder in der Manege den Krieg und die Flucht vergessen, ihre Ängste überwinden und wieder Lebensfreude empfinden. Dass man im Zirkus auch non-verbal kommuniziert und so in physischen Kontakt mit den anderen Kindern kommt, kann Berührungsängste und Vorurteile abbauen und so die Integration fördern. „Der Zirkus kann Kulturen zusammenbringen“, sagt Köckenberger.

Zirkus Cabuwazi ist deshalb in Berlin in sechs Flüchtlingsunterkünften aktiv. Das kommt sehr gut an, denn im Training können die Kinder wieder Kinder sein. „Wer die strahlenden Augen der Kinder sieht, bekommt eine Gänsehaut“, sagt er. In Zukunft will der Dachverband auch die mitmachenden Zirkusse in dieser Arbeit unterstützen. Es sollen Fortbildungen angeboten werden, die sich mit Traumatherapie und pädagogischen Konzepten für geflüchtete Kinder beschäftigen.

Text verfasst von Elisa von Hof

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